Montag, 18. August 2014

Sind Minimalisten grausam?

In den letzten Wochen war ich, und bin es weiterhin, erneut im Ausmistfieber. Es ist kaum zu glauben, wie viele Gegenstände jetzt noch aussortiert werden können, obwohl ich das Ganze bereits zwei Mal hinter mir habe. Aber wie es nun mal so ist, man kann sich mit der Zeit von stetig mehr Dingen trennen, weil sich die emotionale Bindung gelöst hat oder man endlich bereit ist, in diesem Punkt rational zu denken und sich damit endlich von dieser Sache zu trennen.

Bei meinen letzten Schritten scheine ich dabei in den Augen mancher Menschen aus meinem Umfeld ziemlich kalt und grausam vorgegangen zu sein. Einer Freundin erzählte ich, was weggekommen ist und besonders bei Bilderrahmen und einigen Fotos, die ich entsorgt hatte, reagierte sie eher schockiert. Aus den Bilderrahmen könne man doch noch etwas machen! Fotos dürften doch nicht einfach weggeworfen werden! Nun, doch, es geht. Die Bilderrahmen verwende ich nicht in naher Zukunft und ich werde nicht darauf warten, ob ich sie eines Tages doch irgendwie verbasteln könnte. Und die paar ausgedruckten Fotos lagere ich sowieso auf meiner externen Festplatte, was mir ausreicht. Andere, die sich nicht auf der Festplatte befinden, weil sie damals noch mit einem Film entstanden sind, behalte ich selbstverständlich auch weiterhin.

Eine andere Sache, der mit der ich begonn, war das Auflösen meiner CD- und DVD-Sammlungen. Wo ich mir vor einem Jahr auf keinen Fall hätte ausmalen können, mich davon zu trennen, bin ich heute mit dem Umstieg auf eine digitale Musiksammlung und dem Online-Streamen von Filmen und Serien komplett zufrieden. Hier liegt zugegebenerweise nach wie vor ein wenig Arbeit vor mir. Teilweise weil ich einige CDs und DVDS noch nicht losgeworden bin, teilweise weil ich eben doch noch nicht bereit bin, mich davon zu trennen (vor allem meine "Gilmore Girls"-Staffeln und meine DVD von "Into The Wild"). Doch ich weiß, der Tag wird kommen.
Als sie zu Besuch kamen, zeigte ich meinem Vater und meinem kleinen Bruder die Kiste, in der all die CDs, DVDs und ein paar Bücher waren, die ich aussortiert hatte - mit dem Angebot, dass sie sich nehmen könnten, was sie wollen. Sie bedienten sich ordentlich, wobei ich glaube, dass sie mehr eingesackt haben, als sie es getan hätten, wenn sie nicht wüssten, dass das Zeug im schlimmsten Fall weggeworfen werden würde. Ich werde mich darüber nicht beklagen, schließlich habe ich mich dem Kram auf leichteste Weise entledigt. Ein wenig seltsam fanden sie es letztendlich aber wahrscheinlich schon, dass ich beide Sammlungen aufgeben wollte und es zudem so radikal tue.

Der letzte Fall, der mich zu der Fragestellung bringt, ereignete sich erst vor wenigen Tagen. Ich berichtete, dass ich bald meinen Schmuck aussortieren werde, woraufhin meine Mutter etwas bestürzt zu sein schien. Fakt ist jedoch, dass ich keinen Schmuck trage. Ich machte sogar den Versuch: Wenn ich es schaffe, einen Monat lang jeden Tag Ohrringe und Armbänder zu tragen, darf ich alles behalten. Ratet mal, wie lange ich durchhielt. Einen Tag! Nicht einmal, denn bereits am späten Nachmittag machten mich die Ohrstecker und das Armband halb wahnsinnig, sodass ich sie ablegen musste. Und das war es dann. Selbst zu besonderen Anlässen hänge ich mir nie Schmuck um, also werde ich ihn ausmisten.

All die Reakionen zu meinem kürzlichen materiellen Minimalismus bringen mich zum Nachdenken. Sind Minimalisten wirklich grausam? Wir trennen uns von Dingen, die man doch irgendwann einmal irgendwie noch verwenden könnte. Die vielleicht noch jemand gebrauchen könnte. Die gar nicht kaputt oder abgenutzt und somit voll funktionsfähig sind. Uns geht es doch wohl zu gut, die ganzen Sachen (mitunter) einfach entsorgen zu wollen!
Manchmal ist es nun aber schon schwierig, Leute zu finden, die den Kram haben wollen. Weil er vielleicht neu schon billiger ist, als wenn ich ihn zuschicken würde. Weil es neuwertig generell begehrenswerter ist. Weil es sich nicht lohnen würde, für diesen Gegenstand überhaupt einen Nachfolger ausfindig machen zu wollen. Warum auch immer, es klappt einfach nicht jedes Mal.

Natürlich denke ich nicht, dass Minimalisten wirklich kaltherzig und gefühlslos sind. Das sieht man allein daran, dass wir selbst eine Weile brauchen, um uns von manchen Dinge zu verabschieden. Ich versuche bloß die Perspektive von außen zu beleuchten und zu verstehen. Es ist schon seltsam: Andere Menschen rechnen den Dingen einen Wert an, den diese für uns haben müssten und sind dann bestürzt oder entgeistert, wenn sie ihn für uns eben nicht besitzen. Dabei versuchen wir nur, unser Leben ein Stück weit simpler zu machen. Und ja, schwierigere Entscheidungen gehören mit dazu. Und nur weil wir den Gegenstand, das materielle Objekt, weggeben oder wegwerfen, heißt es nicht, dass wir die Erinnerung oder das sentimentale Gefühl dahinter verlieren. Das muss ich definitiv probieren, diesen Leuten verständlich zu machen. Es sind nicht die Dinge, die ihnen in dem Moment leid tun, sondern die Bedeutung oder Möglichkeit dahinter und die muss ich nicht zwangsweise immer mit der Sache fortgehen.