Sonntag, 20. Januar 2019

I GOT ONE MORE WISH BEFORE I DIE: Anna Calvi im Astra Kulturhaus Berlin, Jan 2019

"Ich mag ihre männliche 'Cool-Pose', aber die Gitarre war mir zu viel Geschrammel", belauschte ich beim Hinausgehen aus dem Konzertsaal eine Frau in den Dreißigern. Durch mein Kopf ging nur ein lautes What the fuck?! Waren wir gerade bei der gleichen Show? Auf meinem Post-Konzert-High begann ich während des Heimwegs für mich selbst die Gründe aufzuzählen, warum mein Eindruck nicht gegenteiliger sein könnte. Doch beginnen wir vorn.


Anlässlich ihres dritten Studioalbums Hunter schaute die britische Musikerin Anna Calvi während ihrer Tour auch in Berlin vorbei. Ich spielte schon seit Monaten mit dem Gedanken, zu diesem Konzert zu gehen. Ihr zweites Album höre ich immer wieder gern, aber bis dato eher gelegentlich. Auch das dritte Album war beim ersten Hineinhören gut. Doch den Entschluss fasste ich erst plötzlich vor einigen Wochen, als mir die Live-Version des Songs Ghost Rider von Spotify zugeshufflet wurde. Den Song, wusste ich auf einmal, den musste ich live erleben!

So stiefelte ich also am vergangenen Freitag gemütlich nach der Arbeit ins ausverkaufte Astra Kulturhaus. Mein erster Besuch dieses Veranstaltungsorts übrigens. Der Eindruck davon war in Ordnung. Es ist ein bisschen zu groß für meinen Geschmack, da ich eher kleinere Clubs bevorzuge. Was mich letztendlich an der Location gestört hat, war der lange Bühnensteg, der ins Publikum hineinragte. Sobald der Künstler darauf nach vorn läuft und performt, sehen ihn die ersten zwanzig Reihen von hinten. Etwas ungünstig, aber da kann Calvi schlecht etwas dafür. Sie hat es zum Glück auch nicht allzu häufig getan.


Überrascht war ich angesichts des Durchschnittsalters des Publikums, das ich auf um die fünfzig Jahre schätzen würde. Also auch durchaus noch ältere Menschen, von denen ich nicht erwartet hätte, dass sie ein Rockkonzert besuchen würden, bei dem nicht eine mindestens vierzig Jahre alte Classic-Rock-Band auftritt. Im Laufe der Vor"band" (weiter will ich mich nicht zur DJane äußern, von deren Auftritt ich nicht so angetan war) bekam ich mit, dass das Konzert von Radio Eins präsentiert wurde. Wahrscheinlich liegt darin die Erklärung dafür.

Immerhin muss man so auf nicht viele Smartphone-Bildschirme starren, wie das bei jüngeren Konzertgängern der Fall ist. Mehr habe ich vom Publikum nicht wirklich mitbekommen, denn sobald Anna Calvi ihre Songs anstimmte, war ich komplett davon eingenommen und regelrecht berauscht.


Den Auftakt bildete das Lied Hunter, gefolgt von Swimming Pool. Bei letzterem tauchte der ganze Saal in blaues Licht und Calvi zupfte an ihrer E-Gitarre wie an einer Harfe. Ich fühlte mich tatsächlich wie in einem verdammten Swimming Pool! Alles wirkte ruhiger, umspült von Musik.

Für den Rest der Show variierte die Stimmung immer wieder; mal dunkel und mystisch, mal erotisch, mal badassig (ja, das ist jetzt ein Wort), mal leichtgängiger. Überhaupt war es ein Gesamtkunstwerk, wie das Licht die Dramaturgie der Instrumente und des Gesangs widerspiegelte. Ein ausgefallener Schlagzeug-Moment wurde zum Beispiel unterlegt durch das Aufzucken grellen Lichts. Häufig war der Saal in tiefes Rot getaucht, pochend wie ein Herz.

Anna Calvi weiß mit einem Spannungsbogen zu spielen: Ruhige Momente gehen fließend über in langsam anschwellende Musik, die schließlich zur völligen Ekstase gelangt, Calvi die längsten, höchsten Töne herausschmettert oder auf ihre E-Gitarre bis zur Verzerrung eindrescht, zwischenzeitlich sogar das Mikro zum Spielen in der linken Hand benutzt, der Bass im ganzen Körper zu spüren ist und der Klang allumhüllend wird. Der absolute Wahnsinn! Dabei stimme ich trotzdem nicht der Frau aus der Einleitung zu. Das war kein Geschrammel. Das war Kunst!


Meinen Blick konnte ich dabei gar nicht von dieser talentierten Frau abwenden. Ihr Gesang ist live absolut beeindruckend, wirkt mitunter schon opernhaft, und ihre E-Gitarre spielt die Britin, als ob sie bloß eine Verlängerung ihrer Arme wäre.

Viel gesagt hat Anna Calvi abgesehen von Danksagungen übrigens zwischendurch nicht, sondern eher durch ihre Lieder gesprochen. Kontakt zum Publikum gab es trotzdem durch Berührungen von Zuschauerhänden und langen, intensiven Blicken (direkt in all unsere Seelen, so wie es sich zumindest anfühlte). Sie hat dabei eine unglaublich selbstbewusste und geheimnisvolle Ausstrahlung. Ich konnte gar nicht aufhören, sie fasziniert anzustarren. Wenn ich groß bin, möchte ich bitte Anna Calvi werden. Danke!


Die meisten Songs stammten natürlich, wie zu erwarten, vom letzten Album, mit einigen bekannteren Auskopplungen der Vergangenheit hier und da. Auch Ghost Rider hat sie als zweiten Teil der Zugabe gespielt - das Lied, wegen dem ich überhaupt gekommen war. Bis dahin war ich aber bereits so hin und weg, dass es mir fast egal gewesen wäre, hätte sie es nicht verlauten lassen.

Setlist
1. Hunter
2. Swimming Pool
3. Wish
4. As a Man
5. Indies or Paradies
6. Rider to the Sea
7. Suzanne and I
8. I'll Be Your Man
9. Don't Beat the Girl out of My Boy
10. Alpha
11. Desire
12. Ghost Rider

An dieser Stelle komme ich zum Ende meines Schwärmens. Insgesamt war das Konzert sogar noch besser als erwartet. Wer alternativen Rock, Frauenpower und eine intensive Stimmung mag, wer bei Live-Veranstaltungen komplett mitgerissen werden möchte und nichts gegen Lautstärke hat, sollte Anna Calvi das nächste Mal definitiv nicht verpassen. Aber nicht vergessen, Konzertohrstöpsel zu benutzen!