Samstag, 22. September 2018

THEY TOLD US OUR DREAMS WOULD OUTLIVE US, BUT THEY LIED


Das ist Agathe; besser gesagt, das war Agathe. Nachdem dieser Hibiskus jahrelang die einzige Pflanze war, die es unter meiner Pflege durchgehalten hat, musste ich doch über Wochen ansehen, wie sie letztendlich dahinsiechte. Ihren Anblick finde ich sehr repräsentativ für das, was die letzten Monate im großen Rahmen in meinem Leben los war.

Dabei fing 2018 gar nicht so übel an. Nach vielen Monaten voller Panikattacken und Nervenzusammenbrüchen, unter denen ich mein Bachelor-Arbeit abwechselnd prokrastinierte und hinschluderte, konnte ich mein Studium im März endlich abschließen.
Bereit für die Arbeitswelt landete ich dann tatsächlich auch eine Stelle in der deutschen Hauptstadt, in die ich übergangsweise wieder zurückzog. Zwar ins Elternhaus, aber es sollte ja nur vorübergehend sein.

Eigentlich war ich bereit, nach zwei Jahren harter Fernbeziehung endlich mit dem Freund aus Belgien den nächsten Schritt zu planen. Denn ich verwöhntes Gör muss leider zugeben, dass ich Berlin nicht mag. Die zahlreichen Eindrücke aus widerlichen Gerüchen, Dreck, der Masse an Menschen, der Lautstärke und einigen unberechenbar kaputten Individuen überfordern mich tagtäglich. Doch wie das manchmal mit zwei Menschen so ist, waren wir beide nicht auf dem gleichen Stand. Für mich machte sich das in monatelangem Frust und Aussichtslosigkeit bemerkbar. Um dem irgendwie ein Schlussstrich zu setzen, läutete ich in einer Art Kurzschlussreaktion die Trennung ein, bereute es sofort und seitdem geht es stetig bergab. Denn der Schmerz explodierte - denn Überraschung, ich liebe den Kerl weiterhin - und seitdem laufe ich mit einem schweren Herzen herum.

Zwei Monate später, im August, starb dann auch noch mein Opa. Seit einer Weile musste unsere Familie schon dabei zusehen, wie sich sein Zustand verschlechterte, sich ein Krankenhausaufenthalt an den nächsten reihte. Bis es mit einem permanenten Lungenschaden irgendwann von den Ärzten hieß: "Sie sind auskuriert, wir können nichts mehr für Sie tun." Aus dem großen, geselligen Mann ist ein Sterbender geworden, der keine Luft bekam, nur noch vierzig Kilogramm wog und nicht mehr selbstständig die Wohnung verlassen konnte. Bis er von seinem Elend befreit wurde.

Daraufhin entwickelte ich meine neue Superkraft: Ich kann innerhalb von einer Minute in einen Heulkrampf verfallen. Denn nicht nur muss ich mit dem Schmerz von zwei riesigen Verlusten fertig werden - auch gibt es so wunderbare Nebenwirkungen wie tiefen Selbsthass, weil ich einen großen Teil meines Lebens schließlich selbst ruiniert habe, Angst vor dem Tod, Angst vor dem Leben und meiner Zukunft, praktisch keinem vorhandenen Nervenkostüm, sodass ich ständig überwältigt bin, aggressiv, frustriert oder tieftraurig werde. Keine Sorge, die Therapie ist bereits in vollem Gange. Ich funktioniere momentan irgendwie, lenke mich oft ab, lache sogar und habe einige schöne Momente. Doch in Wellen bricht die Dunkelheit weiterhin über mich herein.

Wenn das nicht mal verdammt gute Ausreden sind, warum ich so lange nichts auf dem Blog veröffentlicht habe, dann weiß ich auch nicht. Ich beginne zu akzeptieren, dass das in meinem Fall immer so sein wird: Sobald mich etwas einnimmt, ob es zeitlich ist oder etwas an meinen Kräften zehrt, vernachlässige ich meinen Blog.

Momentan habe ich alle eigentlichen Pläne und Vorhaben für 2018 gestrichen. Vorerst hänge ich mich weiterhin in die Arbeit und suche (immer noch) nach meinen eigenen vier Wänden, in denen ich meine Wunden heilen kann. Neues Ziel: irgendwie überleben.

Danke übrigens an die Leute, die sich nach mir erkundigt haben. Ich hatte keine Kraft zu antworten, aber ich weiß die Geste sehr zu schätzen. Keine Ahnung, wann hier das nächste Mal etwas kommen wird und was genau das außerdem sein wird, deshalb lasse ich jegliche sinnlosen Versprechungen bleiben.