Mittwoch, 21. März 2018

Mein Besuch bei der Leipziger Buchmesse 2018

Wie Hunderttausende andere Buchfreunde besuchte ich am letzten Wochenende für zwei Tage die Leipziger Buchmesse. Was für ein Pech, dass Leipzig genau zu der Zeit eingeschneit wurde. Der Verkehr wurde zur Farce, Gäste kamen nicht mal mehr bis zum Messegelände durch und Termine konnten nicht wie angekündigt eingehalten werden. Trotz dieser Ärgerlichkeiten am Rande erlebte ich wieder wunderbare Momente zwischen Worten, Büchern und Lesewütigen.

Freitag
Zum ersten Mal sind nicht nur ich und meine Mutter zusammen unterwegs. Mein älterer Bruder schloss sich uns dieses Mal an und machte uns zum Dreiergespann. Die Hallen sind zwar gut besucht, jedoch nicht zu knüppelvoll. Angenehm. Zwischen den Programmpunkten tingeln wir an Ständen entlang, trinken ab und an ein Käffchen. Als erstes auf der Liste steht ein Gespräch über Science Fiction und literarische Utopien im 3sat, unter anderem mit Literaturkritiker Denis Scheck. Der hat eine unglaublich eloquente und amüsante Art, über Bücher und Geschichten zu reden. Eine LBM ohne Denis Scheck geht für mich gar nicht. Zudem mag ich Science Fiction. So richtig bewusst ist mir eigentlich nie geworden, wie verschmäht Science Fiction-Literatur in der generellen Literaturkritik ist. Schade eigentlich. Ich liebe es nämlich, mit neuartigen Ideen konfrontiert zu werden und mit dem Gedanken zu spielen "Was wäre, wenn...?". Wer den Talk noch gern selbst sehen möchte, der folge diesem Link zur Mediathek.

Eher zufällig, weil wir vom vielen Laufen ein bisschen sitzen wollen, stolpern wir später in die Lesung von Tobias Ginsburg. Der begab sich ein halbes Jahr lang undercover unter Reichsbürger, worüber er in Die Reise ins Reich unter Reichsbürgern schrieb. Das Buch nimmt meine Mutter daraufhin gleich mit. Ich lese es gerade, bin aber noch ziemlich am Anfang. Obwohl es kurzweilig ist, sich die abstrusen Verschwörungstheorien zu geben, bin ich insgesamt doch ein wenig gespalten. Sollte man diesen Leuten eine Stimme geben? Obwohl Ginsburg wiederum alles kommentiert und ins Lächerliche zieht, es also keineswegs einfach so stehen lässt, was ich gut finde. Aber warum dann überhaupt darüber schreiben? Damit man sich über diese Leute lustig machen kann? Damit man sich vor der eventuellen Gefahr schützen kann? Ich hoffe, ich finde im Laufe der Lektüre Antworten auf diese Gedanken.

Am Abend zieht es uns in die Südvorstadt ins UT Connewitz, einen Veranstaltungsort, den ich sehr mag. Aber auch mein Linguistik-Herz blüht voll auf. Denn vor Ort ist Peter Graf, der seine Auswahl des Grimm'schen Wörterbuch vorstellt. Die Gebrüder Grimm machten nämlich viel mehr, als nur Märchen aufzuschreiben. Sie fingen außerdem an, ein Wörterbuch zusammenzustellen. Zeit ihres Lebens kamen sie jedoch nur bis zum Buchstaben F. Es wurde jedoch stetig daran weitergearbeitet und schließlich 1961 beendet. Es enthält über 34.000 Einträge. Graf sammelte in diesem Buch ein Prozent mit den ausgefallensten und schönsten Begriffen. Dieses soll das einzige Buch während der Messe sein, das ich mir persönlich zulege und ich finde ich hätte meine Wahl nicht besser treffen können. So kann ich nämlich jederzeit herausfinden, was die Wörter Beinhase, Deuterling, mopsnäsicht oder Zwiebelland bedeuten. Ein perfektes Werk zum Schmökern!


Samstag
Und es pisst. Naja, nicht ganz. Draußen tobt noch immer das große Schneegestöber, in der Glashalle der LBM wird es derweil immer schwüler und allerorts tropft es von der Decke. Wir sind in einem riesigen Gewächshaus. Am Samstag dackeln wir zunächst zu Denis Scheck, noch einmal, denn in der Live-Version seiner Sendung druckfrisch stellt er die wichtigsten Bücher der diesjährigen LBM sowie die deutsche Bestseller-Liste vor. Schade eigentlich nur, dass er nicht die misslungenen Exemplare, wie im Fernsehen, durch die Gegend wirft. Direkt im Anschluss lauschen wir im Hörbuch-Form bei den lustigsten Hörproben Deutschlands hinein. Wenn man Radio-Pannen oder Hörbuch-Outtakes bei YouTube eingibt, kriegt man sicherlich Ähnliches zu hören, aber es war eine ganz witzige Auflockerung zwischendurch.

Danach trennen sich die Wege meiner Familie und mir. Während sie die Lesung von Dominique Horwitz besuchen, interessiere ich mich für eine Veranstaltung meiner Alma Mater, der Universität Leipzig. Das Institut der Buchwissenschaft, bei dem ich selbst drei Semester lang studierte, wollte über Umschlagkunst in der DDR sprechen. Leider erscheint bloß der verantwortliche Professor nicht und die Studenten können spontan nicht allzu aufschlussreiche Einblicke bieten. Ein kleiner Reinfall. Die nächsten eineinhalb Stunden muss ich mich also zwischen den Ausstellern selbst beschäftigen, denn auf meiner Liste steht danach noch die Lesung von Tommy Krappweis, der das fünfte Band seiner Kinderbuch-Reihe Ghostsitter vorstellt. Den Mann finde ich einfach beeindruckend, da er so viele Talente hat und sich in unterschiedlichsten Bereichen austobt. So erfand er Bernd das Brot, schrieb die Fantasy-Trilogie Mara und der Feuerbringer und machte auch gleich selbst den Film dazu, er singt, spielt Gitarre und er kann hallsprechen. Er erfreut sich auf der LBM auch allgemeiner Beliebtheit bei Jung und Alt. Seine Lesung ist so was von charmant und urkomisch. Er schäkert hier und da mit dem Publikum, plappert spontan und liest mit viel Intonation. Fette Empfehlung und ich habe mir definitiv vorgenommen, endlich bald eines seiner Bücher zu lesen.

Die diesjährige Buchmesse hat mir in einer Hinsicht auch die Augen geöffnet: Ich bin nicht mehr so gespannt auf fiktive Literatur wie früher. Da ich sowieso in den letzten Jahren zusehends weniger Bücher im Jahr schaffe und kaum mehr die Ruhe zum Lesen finde, fällt es mir immer schwerer, mich für Geschichten zu begeistern. Es gab zwar Bücher, die mich auf der LBM einigermaßen angesprochen habe, die ich jedoch jedesmal wieder zurücklegte. Dauernd hingen meine Gedanken an die investierte Zeit und dass ich diese stattdessen vielleicht doch in Biographien, Erfahrungsberichten oder andere erklärende Sachliteratur stecken sollte, bei der man definitiv etwas lernt - über die reale Welt, in der ich lebe und die mich umgibt. Doch konnte ich auf meinen Interessensgebieten kein großes Angebot finden. Gern würde ich mich immer noch genau mit Filmen, Literatur und Musik und und und beschäftigen. Mit dem fortschreitenden Alter und diesem Erwachsensein scheint man aber immer weniger Freizeit zu haben und dann muss man manche Dinge zugunsten anderer vernachlässigen oder weglassen. Dazu gehören in meinem Fall eben leider die Bücher. Wahrscheinlich ist dies nicht das Thema, mit dem man einen Bericht zu der Buchmesse beenden sollte, doch so ist es nun mal. Gern würde ich wieder zur Leipziger Buchmesse gehen, andererseits sollte ich mich vielleicht mal nach einer Musikmesse umsehen. Gibt es so etwas? Wahrscheinlich nennt man das Festival...