Samstag, 10. März 2018

I'M A PHOTOGRAPH THAT YOU FORGOT YOU TOOK: First Aid Kit in der Columbiahalle Berlin, März 2018

Im Januar brachten die beiden schwedischen Schwestern Klara und Johanna Söderberg, die zusammen die Band First Aid Kit ausmachen, ihr viertes Album Ruins heraus. Momentan sind sie deshalb auf Tour und ich durfte bei ihrem Berlin-Termin dabei sein. Denn was könnte man Besseres tun, als am Weltfrauentag talentierte Frauen zu bewundern?


Da ich schon seit Wochen auf den Abend hinfieberte und bereits gehört hatte, dass die Konzerte gut sein sollen, waren meine Erwartungen entsprechend hoch. Also stapfte ich am Donnerstag vorfreudig und beschwingt zum Veranstaltungsort. Obwohl wir rechtzeitig vor Beginn des Show ankamen, dauerte es ewig, überhaupt in die Halle zu kommen. Denn Taschen, die größer als ein Din A4-Blatt waren, durften leider nicht mit hinein. Die Schlange an der Abgabe draußen war nicht nur kostenpflichtig sondern auch elendig lang. Als wir schließlich in der Columbiahalle standen, beendete der Opening Act auch schon sein Programm. Deshalb kann ich keine Meinung zum Auftritt von Van Williams abgeben. Der Musiker kam im Laufe des Abends noch für ein Lied mit First Aid Kit auf die Bühne und das konnte sich durchaus hören lassen.

Trotz des kleinen Ärgernisses mussten wir wenigstens nicht mehr lang warten bis das eigentliche Konzert begann. Mit dem Song Rebel Heart eröffneten First Aid Kit die Show und schon wurden rosarote Herzen auf dem Bildschirm im Hintergrund projiziert. Überhaupt gefiel es mir, wie das Licht und Videos die Lieder untermalten. Bei Wolf zum Beispiel wurden die animierten Wölfe aus dem Musikvideo gezeigt, an anderer Stelle sah man ein Zusammenschnitt von Tourclips der Band. Andererseits gab es die Filmchen auch nicht zu oft und lenkten nicht von den Künstlerinnen ab.


Ein wenig schade fand ich schon, dass ich die ersten drei Lieder Schwierigkeiten hatte, überhaupt etwas zu sehen, da allein direkt vor mir permanent um die sechs Smartphones hochgehalten wurde. Mir ist bewusst, dass dies schon seit Jahren kritisiert wird. Doch so extrem ist mir das noch nie untergekommen. Ich kann verstehen, wenn man ab und zu ein Bild macht oder beim eigenen Lieblingslied ein wenig filmt. Aber wenn man die gesamte Zeit nur auf sein Handy starrt, verpasst man erstens, selbst Teil des Live-Abends zu sein und zweitens nervt man die anderen Zuschauer damit gewaltig. Später wurde es zum Glück ein wenig besser, vielleicht machten letztendlich die Arme schlapp. Nun höre ich auf, mich aufzuregen und komme zurück zu den schönen Aspekten.

Was mich am meisten gefreut hat, war die grandiose Auswahl der Lieder. Ich mache mir vorher immer Gedanken, welche Lieder ich gern hören wurde und es scheint, als hätten First Aid Kit meine Wünsche genau erhört. Sie spielten selbstverständlich fast alles vom neuen Album. Aber auch meine langjährigen Lieblingslieder Wolf, The Lion's Roar und Emmylou waren Teil der Setlist. Außerdem brachten sie am Donnerstag vor genau einem Jahr das Lied You Are The Problem Here heraus. Es rückt den Fokus bei sexuellen Übergriffen auf den Täter zurück. Denn die Schuld liegt eben nicht bei der Kleidung oder dem Verhalten der betroffenen Frau oder dem Alkohol, der getrunken wurde. Das Problem in solchen Fällen ist immer noch der Mann. Im krassen Gegensatz zum sonst eher akustischen Sound, setzen die Schwestern bei dem Lied auf elektrische Gitarren und einen sehr lauten Gesang, in dem man die Wut förmlich spürt. Jedesmal wenn ich den Song höre, bekomme ich Gänsehaut. Daher bin ich überglücklich, dass ihn zum einjährigen Jubiläum ebenfalls spielten. Die jüngere Schwester Klara (rechts auf den Fotos) hielt zu dem Thema auch eine kurze Ansprache, die stark und eindrucksvoll war. Insgesamt gab es einfach die perfekte Abwechslung von langsamen und schnelleren, von traurigen und beschwingten Liedern.


Der Gesang der beiden war ebenfalls fantastisch. Die Schwestern haben es absolut drauf, genauso wenn nicht sogar besser als auf den Alben zu klingen. Die vielen Harmonien, die sich durch ihre Lieder ziehen, setzten sie auch live perfekt um. Manchmal ist mir der Gedanke gekommen, wie zeitlos der Auftritt war. In meiner Vorstellung hätte das Konzert, also wie ihre Lieder klingen, wie sie sich geben, vor sechzig Jahren ebenso gut stattfinden können. Es ist schwer, diesen Eindruck zu beschreiben. Aber der Fokus lag auf der Musik mit den akustischen Instrumenten und den zeitlosen Texten, ohne großen Show-Firlefanz drumherum. Zwar machten sie schon einige Ansagen, doch waren diese sehr ruhig und zurückhaltend, obwohl sie trotzdem professionell ihr Ding durchzogen. Noch sind mir nicht die perfekten Worte gekommen, zu beschreiben, was ich genau meine. Es war so oder so ganz bezaubernd, solch ein Konzert mitzuerleben.

Einer der schönsten Momente für mich war die Performance von Hem Of Her Dress, das mir seitdem nicht mehr aus dem Kopf geht. "Stellt euch vor, euer Herz wurde gerade gebrochen, ihr seid betrunken und irgendwie ist trotzdem alles in Ordnung, denn ihr seid mit euren Freunden zusammen" - das war die Ansage, dann kamen alle Bandmitglieder zu den beiden nach vorn und beim Refrain sangen alle im Saal zusammen.

Insgesamt hätte der Abend fast nicht besser laufen können. Zwar gab es zwei Dinge, die mich gestört haben, doch gingen diese vom Veranstaltungsort oder dem Publikum aus, die Gruppe konnte nichts dafür. Sicherlich muss man sich auf manche Dinge in diesen Tagen einfach einstellen. Letztendlich kann ich sogar zwei Tage später nicht aufhören zu schwärmen und möchte in Zukunft definitiv wieder zu einem Konzert der Gruppe gehen. First Aid Kit kann ich live nur empfehlen.

1 Kommentar:

  1. Hallå, Karo.
    Anmerkenswert erscheint mir, daß ein Konzert beginnt bevor das Publikum eine Chance hat den Saal zu erreichen.
    Nicht weniger anmerkenswert, daß so Viele größere Taschen mit bei hatten.
    :-)

    Es scheint in dert Tat eine Angewohnheit zu sein, daß man/frau nur noch mittels eines Smarties erlebt. Selbst wenn das Leben direkt vor einem stattfindet. Wurde früher persifliert, ist heute Gegenwart. Vermutlich, weil sich einige nur über Ihre Daten mehr definieren.
    Dabei kann sich niemand Leben herunterladen...
    "Schlappe Arme" sind dann aber wieder herrlich analog geraten! :-D

    "Blame the victim" - die "Argumentation" von Tätern, deren Sympathisanten & Verteidigern, ist an Armseligkeiten nicht zu überbieten. Dabei jede Art der Ausbeutung & Unterdrückung befürwortend. Yikes!

    Jede Art der Kunst lebt vom Momentum zwischen Erschaffen & Erfahren, denke ich. Wann immer Gefühle wie Gedanken generiert/rezipiert werden. Die Menscheit lebt seit Jahrhunderttausenden davon.

    Bist also wieder in Berlin angekommen.

    bonté

    AntwortenLöschen

Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...