Donnerstag, 22. Februar 2018

IT'S A ONE WAY STREET WITH AN OPEN END: Alice Merton im Werk 2 Leipzig, Feb 2018

Die gut geschriebenen Popsongs von Sängerin Alice Merton durfte ich bereits im vergangenen Jahr auf dem Lollapalooza Festival in Berlin erleben. Seitdem lief ihre EP No Roots bei mir ständig, weshalb ich in meinen Musiktipps #16 ausgiebig davon schwärmte. Als ich kürzlich Plakate in der Stadt erspähte, die ein Konzert in Leipzig im Rahmen ihrer Europa-Tour ankündigten, holte ich mir spontan ein Ticket. Es war das erste Live-Event für mich in diesem Jahr und ich sollte nicht enttäuscht werden.


Zunächst war das Konzert für das Haus Auensee in Leipzig angekündigt, wurde dann jedoch in die Halle D vom Werk 2 verlegt. Zwar ist es für die Künstlerin schade, dass sich der relativ große Veranstaltungsort scheinbar nicht füllen ließ, trotzdem bin ich froh drum. Zum einen weil mir das Haus Auensee nicht besonders zusagt und ich mit Sicherheit dann nicht hingegangen wäre. Zum anderen da kleinere Klubs einfach viel gemütlicher sind und, meiner Erfahrung nach, die schönsten Konzerterinnerungen schaffen.

Den Abend leitete der Singer-Songwriter Sion Hill aus Irland ein. Er lud viel zum Mitsingen ein, bot sowohl eigene Lieder als auch Cover und erzählte amüsante Anekdoten über das Leben als Musiker und im Allgemeinen. Nichts Spektakuläres, aber ein unterhaltsamer Auftakt.


Dann endlich gegen neun Uhr stürmten Alice Merton und ihre Band mit dem kraftvollen Song Hit The Ground Running die Bühne. Besonders auf die Setlist war ich im Voraus gespannt, hat die Musikerin doch erst vier Songs veröffentlicht. Auf unbekannte Lieder tanzt es sich manchmal schwieriger. Den Rest des Abends spielte sie tatsächlich ausschließlich eigenes Material. Doch fand Merton eine wunderbare Lösung, in dem sie die vier Lieder der EP auf den ganzen Abend verstreute und zu so gut wie jedem Lied die Geschichte und Bedeutung dahinter erzählte. Nicht nur wusste man so, worauf man sich einstellen kann, sondern zeigte Alice Merton mehrere Facetten ihres wirklich sympathischen Wesens. Es ist wirklich besonders, wenn Künstler es schaffen, den Abend persönlich zu gestalten und einem ein paar subtile Weisheiten mit auf den Weg geben können.


Mein einziger Kritikpunkt ist die Wahl, die Ansagen zwischen den Songs auf Englisch zu machen. Ob der Grund ist, weil sie sich als Kosmopolitin fühlt oder privat auch eher Englisch spricht - wo es beim internationalen Publikum des Lollapalooza Festivals noch Sinn ergab, hätte ich mich besonders in Leipzig an ihrer Stelle für Deutsch entschieden. Zwar war das Publikum zu großen Teilen in den Zwanzigern, trotzdem sollte man nicht davon ausgehen, dass jeder des Englischen mächtig ist. Ich denke, die Wahrscheinlich ist hier einfach höher, dass jemand kein Englisch als kein Deutsch versteht. Besonders, da sie manche Dinge letzten Endes sowieso übersetzt hat. Sicherlich kann man sich bei dem Punkt streiten, aber das ist meine Meinung dazu. Der Stimmung tat das alles jedoch keinen Abbruch. Das Publikum wollte die Beine nicht still halten und auch die Band schien ihren Spaß gehabt zu haben.


Neben den ausgelassenen gab es jedoch auf ganz gefühlvolle Momente, bei denen Merton allein am Klavier saß, sang und zu berühren wusste. Natürlich war die insgesamt gebotene Show mit ihrem ausgefallenen Outfit, den Lichtern und dem Rauch großartig, doch schafften die stillen Lieder den perfekten Ausgleich dazu. Rundum gelungen. Eine besondere Überraschung gab es ansonsten durch bunte Luftschlangen, die bei No Roots mit einem lauten Knall von der Decke losgingen. Zur Entzückung aller war es Alice Merton, die sich am meisten darüber erschreckte und der Schlagzeuger, der daraufhin kaum aufhören konnte zu lachen. Wie sie später kommentierte, hätte der Effekt eigentlich erst bei der Zugabe passieren sollte.

Insgesamt vergingen die eineinhalb Stunden des Auftritts leider viel zu schnell. Zum Glück können wir uns auf ihr Album freuen, welches im Herbst erscheinen soll. Die Popnummern sind ausgefallen und klingen vielversprechend. Ich meine, ein bisschen Disco und Elektro hier und ein bisschen Rock da als Einflüsse gehört zu haben. Und dann wird es mit der Veröffentlichung hoffentlich wieder eine Tour geben, zu der man definitiv hingehen sollte. Ich bin verdammt gespannt, was wir in den kommenden Jahren noch alles von Alice Merton zu hören bekommen.

Kommentare:

  1. G'Day, Karo.
    Das biedere Strassenplakat...soll noch einer behaupten, dass analoges Werben keine Wirkung mehr erziele. Den Knapp-daneben-Liegern ins Stammbuch geschrieben: Die verdammte Vinylscheibe gibt es nach wie vor! :-)
    Früher, in den Kinopalästen gab es noch die Tradition des Vorfilms, der einfach die Sinne anreizen sollte, um den Hauptfilm danach gebührend würdigen zu können. In besagtem Sinne gibt es zu Gigs, unbeirrt vom Post-Modernismus, den Act davor. Einstimmen, vorhören, vielleicht auch entdecken. Schöne Tradition.
    Stories zu oder rund um die eigenen Songs zu erzählen verbindet; klappt am besten allerdings in den kleinen Hallen.
    Möglicherweise ist das Englisch bei den Ausführungen einfach der Gig-Routine geschuldet, weil gut eingespielt. Vielleicht wollte die Sängerin auch nur im mood Ihrer Songs verweilen.
    Dein erstes Konzert wäre also abgehakt; ganz zur Freude Deiner Erinnerungen.

    bonté

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    1. ...als kleinen Nachtrag: In der Süddeutschen heute ein größerer Artikel über Alice Merton.

      bonté

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    2. Hallo RoM,
      den Zeitungsartikel konnte ich leider nicht lesen. Für Nicht-Abonnenten leider nicht zugänglich. Ich hoffe, dem Autor hat es auch gefallen.

      Das mit dem Straßenplakat hat mich auf gewundert. So habe ich doch erst vor ein paar Wochen Konzerte für einen Beitrag recherchiert und das doch nicht gesehen. Da muss man erst rausgehen, um davon mitzubekommen. :D

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