Sonntag, 14. September 2014

Die Welt durch deine Augen sehen

Manchmal würde ich gern meiner eigenen Psyche entfliehen. Einfach aus meiner Haut schlüpfen und mich in deinem Gehirn einnisten. Dann kann ich die ätzenden Sorgen vergessen, ambivalente Weltansichten zur Seite schieben, nicht immer so pessimistisch sein, während ich mich doch optimistisch gebe. Ich könnte aus diesen einengenden Gedanken in meinem Kopf ausbrechen. Dieser ganz Mist zwischen Selbsthass und Weltfrieden, Trauer und Hoffnung, dem Wunsch nach ewigem Ruhen und einem erfüllten Leben.

Ich möchte die Welt durch deine Augen sehen. Mich für eine Minute komplett ausblenden. Vollkommen in deinen Eindrücken aufgehen, während ich unsichtbar bin, nicht existent. Nicht nur im Gespräch deine sorgfältig ausgewählten Worte vernehmen, sie durch meinen Schädel rattern lassen, bevor ich sie zum ewig gleichen Urschleim verwandelt in eine meiner Schubladen verstaue. Ich möchte die Welt durch deine Augen, deinen Körper spüren, ja erleben.

Wäre sie heller? Sähe ich Menschen nicht mehr als generelle Bedrohung, sondern als potenzielle Freunde? Könnte ich offener sein und jemandem mitteilen, wie es in mir aussieht? Oder müsste ich das gar nicht, denn ich würde diesen ganzen Ballast gar nicht mit mir herumschleppen?

Wäre sie stiller? Würde ich mich nicht mehr den ganzen Tag mit Geräuschen, Musik, Filmdialogen und Lärm zudröhnen, damit ich mir selbst irgendwie den Anschein gebe, es ginge voran? Könnte ich die Stille genießen, ohne gleich melancholischen Gedankengängen zu verfallen?

Wäre sie bunter? Leuchten die Farben in deiner Welt greller? Hast du einen Filter mit Weichzeichnereffekt, der alles glänzender und strahlender macht? Oder sehen die Farbtöne bei dir gar anders aus? Ist blau plötzlich rot und grün gar schwarz? Wäre oben auf einmal unten und links rechts?

Wäre sie intensiver? Fühlte ich mich von der einen zur nächsten Sekunde eventuell weniger taub? Würde ich mehr schmecken und riechen? Wäre die Luft frischer, die Sonne wärmer, Eis kälter?

Wie würde es sein, wenn ich nicht ich selbst wäre? Nie werde ich die Möglichkeit haben, das in Erfahrung zu bringen. Fragen und Rätsel dieser Art bleiben schlichtweg ungelöst. Denn ich bin gefangen in meinen eigenen Empfindungen, meiner persönlichen Wahrnehmung.