Samstag, 12. September 2015

Mein Schweden-Tagebuch: Sörmlandsleden


Nachdem wir beinahe seit vierundzwanzig Stunden unterwegs waren und eine hellbeleuchtete sowie lautbeschnarchte Nacht in ungemütlichen Zugsitzen verbringen durften, kamen eine gute Freundin und ich morgens gegen sechs Uhr in Stockholm an. Doch von Verschnaufpause kann kaum die Rede sein, denn nur ein kurzes Frühstück, Besorgen von Schwedischen Kronen und dem Kauf von Fahrkarten später saßen wir bereits wieder im Zug. Ziel diesmal ist Läggesta, von wo aus wir einige Tage auf dem Sörmlandsleden wanderten.


Der Weg
Der Sörmlandsleden ist ein Wildnispfad in der Nähe Stockholms, der über 1000 Kilometer durchs Grüne führt. Er besteht aus insgesamt 92 Etappen, denn alles würde man wohl kaum in einer Tour schaffen. Wir suchten uns die Strecke zwischen Läggesta und Gnesta aus, deren 38 Kilometer in ursprünglich drei Tagen zu schaffen waren. Ich sage ursprünglich, da wir noch einen halben Tag heranhängten. Man sollte den Weg wirklich nicht unterschätzen. Besonders unsere vollgepackten Rucksäcke, in denen wir alles von Kleidung über Essen bis hin zum Zelt hatten, machten die Wanderung umso anstrengender. Nur allzu selten findet man einen angelegten Wanderweg vor, meistens geht es über Stock und Stein, über Wurzeln, durch modriges Gebiet und den Wald, an Seen vorbei und über sehr viele Hügel und Berge. Es ist definitiv machbar, aber anstrengend.


Die orangefarbene Kennzeichnung entlang des Weges könnte nicht besser gemacht sein. Man müsste sich regelrecht anstrengen, um sich zu verlaufen. Dass ich einmal nicht aufgepasst habe und wir ungefähr eine Minute falsch liefen, bevor es meiner Begleitung letztendlich auffiel, erwähne ich an dieser Stelle lieber nicht. Außerdem finden Wanderer, die länger als ein Tag unterwegs sein möchten, Schützhütten zum Übernachten, Lagerfeuerstellen und Quellen, mit dem wundervollsten frischen Wasser überhaupt, vor. Auf der offiziellen Seite des Sörmlandsleden kann man sich zwar die einzelnen Etappen heraussuchen, die Karten gibt es aber nur für Mitglieder. Doch keine Sorge, vor und nach jeder Etappe sind Karten auf dem Weg ausgestellt, die man einfach abfotografieren kann.


Natur
Die Natur Schwedens ist reich an Postkartenmotiven, vor allem bot der Pfad die verschiedensten Kulissen. Man läuft an zahlreichen Seen vorbei, in denen man jedoch nicht immer baden gehen darf, weil viele unter Naturschutz stehen. Man klettert Berge hoch, von denen man die grandiosesten Blick überhaupt auf die Landschaft hat. Man kann unterwegs ein paar Beeren von Blaubeersträuchern pflücken. Es gab einfach so viel zu entdecken. Das ewig zu beschreiben, wäre wohl langweilig. Aber schon allein dafür hat es sich gelohnt. Nur wilde Tiere sahen wir leider keine, wenn man von Mücken und anderem Insektengetier absieht. Dafür einige deftige Kackhaufen!



Menschen
Am ersten Tag trafen wir sehr viele Menschen, die selbst den Weg entlangliefen oder zum Blaubeerpflücken herausgekommen waren. Zwar war mir bewusst, dass in Skandinavien generell besser Englisch gesprochen wird als in unseren Breitengraden, doch dass die Schweden die Sprache derart gut beherrschen, vor allem auch ältere Leute, damit habe ich nicht gerechnet. Wir hatten daher viele freundliche und interessante Begegnungen. Am Tag darauf wanderten wir anscheinend vollends in der Wildnis herum, da wir keiner einzigen Menschenseele über den Weg liefen. Ein bisschen seltsam, aber auch ganz gut irgendwie. Wenn man also darauf steht, Einheimische zu treffen, vielleicht sogar ein Schwätzchen zu halten, ist man außerhalb Stockholms definitiv besser dran. In der Hauptstadt später war alles wieder viel hektischer und die meisten Leute auf den Straßen sind selbst Touristen, vorrangig sogar Deutsche, zumindest wie ich das erlebt habe.


Übernachtung
Einer der Gründe, warum wir uns Schweden überhaupt als Ziel aussuchten, war, dass man dort wildcampen darf. Also im Prinzip ist es erlaubt, sein Zelt überall hinzustellen, insofern es sich um den Platz nicht um ein Naturreservat, Privatgrundstück, bevölkertes oder landwirtschaftlich genutztes Gebiet handelt. Wie grandios ist das eigentlich? Warum gibt es das nicht in Deutschland?
Jedenfalls machten wir uns das natürlich zunutze und zelteten den Hauptteil der Zeit. Am Sörmlandsleden direkt muss man ein wenig aufpassen, dass man einen geeigneten Platz dafür findet. Es gibt viele Gebiete mit Sträuchern, Steinen und Felsen, im Vergleich weniger Rasenfläche, um sein Zelt aufzustellen. Also wenn die Sonne sich schon langsam verabschiedet, die nächste Möglichkeit am besten auch gleich nutzen. Vom zweiten zum dritten Wandertag schliefen wir sogar in einer Schutzhütte. Vorteil ist natürlich, dass man das Zelt nicht ewig auf- und wieder abbauen muss. Hier hat man drei Wände aus Holz und vor den Ausgang rollt man nachts eine Plastikplane hinunter. Insgesamt kann man die also wirklich gut nutzen. Nur der Holzboden ist ein wenig härter als erdiger Untergrund.



Essen
Beim Wandern versorgten wir uns selbst. So aßen wir in den Tagen selbstverständlich keine besonders traditionell schwedischen Speisen. Dafür gab es aus dem eigenen Campingkocher Reis, Tütensuppen, Brot mit Aufstrich, Müsli- und Obstriegel. Eigentlich nichts Besonderes, doch irgendwie hat es doch schon was, sich selbst abends provisorisch etwas Warmes zu kochen. Am Vormittag des vierten Tages kamen wir mit der Ortschaft Gnesta endlich wieder in der Zivilisation an und ließen es uns bei einem Italiener schmecken. Das Coolste: Zum eigentlichen Gericht gab es ein Getränk und eine All You Can Eat-Salatbar gratis dazu.


Umplanung
Wie angedeutet war die Tour anstrengend. Am dritten Tag herrschte bei mir daher absolute Kraft- und teilweise auch Lustlosigkeit. Bis dahin liefen wir täglich mindestens elf Kilometer, an diesem mussten wir also den ganzen Rest bis Gnesta schaffen. Ich konnte jedoch einfach nicht mehr und war komplett am Ende, so planten wir ganz um. Wir ließen uns bereits verfrüht in der Kommune Gnesta in der Nähe eines Badestrands nieder, wuschen uns in dem See zum ersten Mal seit einigen Tagen wieder vollständig, konnten auf eine richtige Toilette gehen, holten uns ein paar Snacks am Kiosk und waren nach Tagen voller Dreck, Schweiß, Sonne und Anstrengung glücklich und wieder sauber. Die restlichen Kilometer bis Gnesta hoben wir uns für den nächsten Tag auf. Den Nationalpark Tyresta, durch den wir eigentlich die kommenden drei Tage laufen wollten, schoben wir beiseite (wahrscheinlich wäre es von der Landschaft auch nicht viel anders gewesen als bis zu diesem Zeitpunkt), setzten uns am vierten gleich in den Zug nach Stockholm, um dann mit der Fähre zu den Schäreninseln zu reisen. Dazu im kommenden Teil meines Schweden-Tagebuchs. Soviel jedoch schon einmal: Das war die beste Entscheidung überhaupt!

Kommentare:

  1. Liebe Karo,

    herzlichen Dank für Dein Schweden-Tagebuch! Ich habe jetzt selbst das Gefühl, auch in Schweden gewesen zu sein und ich bilde mir ein, dass meine Füße vom Wandern wohlig schmerzen. ;-)

    Liebe Grüße
    Nicole

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  2. Wundervoll! Ich muss sagen ich bin echt ein bisschen neidisch. Ich habe diesese Semester einen Schwedisch-Sprachkus belegt und möchte selbst gerne mal nach Schweden.
    Die Bilder und die Einteilungen die du getroffen hast sind echt super.
    :)
    Liebe Grüße,
    Kathrin

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