Sonntag, 9. November 2014

THROUGH THE DOOR OF CONSCIOUSNESS, SAN FRANCISCO

Eine der musikalischen Neuentdeckungen der letzten Monate ist bei mir die Band Foxygen. Die Musik bewegt sich irgendwo zwischen "Psychdelic Rock" und "Indie Pop". Ich mag sie vor allem so sehr, weil sie so schön alt klingt (Einflüsse sind unter anderem The Velvet Underground, David Bowie oder The Rolling Stones) und nie langweilig wird, da ständig mitten im Lied einfach der Rhythmus, die Melodie oder auch alles geändert wird. Manchmal lässt sich nicht einmal Strophe und Refrain richtig zuordnen. Die Texte ergeben zeitweise anscheinend überhaupt gar keinen Sinn, was manchmal verwirrt, manchmal auch zum Nachdenken anregt. Die Lieder sind großartig, die Stimme fantastisch und überhaupt halte ich Sam France und Jonathan Rado für ziemlich genial.


Angesichts dieser Meinung ist es kein Wunder, dass ich mir das Konzert von Foxygen am vergangenen Mittwoch in Berlin natürlich unter keinen Umständen durch die Lappen gehen lassen durfte. Vorband war die kanadische Indie-Rock-Gruppe Alvvays, die zwar gute Musik lieferte, doch deren Mitglieder allesamt während des Auftritts solche langen Gesichter zogen (wie auf dem Foto oben erkennbar), als wären sie lieber in der ersten Reihe im Schützengraben, statt in diesem Club ihre Lieder spielend. So war es ein bisschen schwer, in Stimmung zu kommen. Trotzdem werde ich mir mehr von der Band anhören, denn, wie gesagt, die Musik war echt nicht schlecht.

Dann war es auch schon soweit und Foxygen kamen auf die Bühne...explodiert! Vier Musiker, ein Sänger und drei Backgroundsängerinnen aka-tänzerinnen aka Cheerleaderinnen. Zu Beginn spielten sie meinen momentanen Lieblingssong "How Can You Really", was ich in meiner Naivität natürlich persönlich nehme, deshalb möchte ich mich sehr für die tolle Überraschung bedanken.


Nichtsdestotrotz musste ich die ersten paar Songs fast komplett durchlachen. Da stehe ich also in diesem winzigen Club. Die etwas lustlose Vorband hat gerade die Bühne verlassen, da kommt eine relativ große Anzahl Menschen auf die Bühne, die sehr laut spielt, während das Mädel neben mir anfängt sich zu bewegen, als stünde es unter einem Voodoo-Zauber. Dem Sänger Sam France geht es wohl ähnlich, denn er beginnt, unkontrolliert zu tanzen, zu hüpfen, sich auf die Boxen zu stellen, die immer wieder unter seinen Füßen wegkippen. Er lässt sich dauernd auf den Hintern und die Knie fallen, bis eines davon blutig ist, kickt und boxt ins Publikum, was das Zeug hält, entleert flaschenweise Wasser über seinem Kopf, schmeißt ständig seinen Mikrofonständer um und steigt, irgendwann oberkörperfrei, des Öfteren in die Menge hinab. Währenddessen versuche ich darauf klarzukommen, was da gerade eigentlich passiert. Kleiner Spoiler: Dieses Gefühl dauerte bis nach dem Konzert an. Diese Aufgedrehtheit war so plötzlich, dass es surreal wirkte.

Der Gig dauerte eine gute Stunde, was ich bei dem Ticketpreis und dem Bekanntheitsgrad der Band in Ordnung finde. Dennoch war es erstaunlich, dass Sänger Sam France die ganze Zeit durchgepowert hat ohne umzukippen. Den krassen Bruch auf der Bühne machten die restlichen Musiker, die ihm keinerlei Beachtung schenkten, sondern einfach ihr Ding drehten. Irgendwie war es cool. Denn früher oder später war ich, ehrlich gesagt, ein wenig genervt von dem Herumgehampel und davon, dass ich dauernd seinem Mikrofonständer oder Körper ausweichen musste, weil ich, wie war ich doch leichtsinnig, natürlich in der ersten Reihe stand. Ich wollte lieber die grandiose Musik genießen, tanzen und den Musikern beim Spielen zusehen. Glücklicherweise stellte sich irgendwann jemand vor mich hin, damit war das endlich möglich.


Die Setlist war ansonsten super und bot viel Abwechslung. Sowohl alte Sachen - die Band veröffentlichte dieses Jahr immerhin schon ihr drittes Album - als auch neue. Von "Teenage Alien Blues" über "No Destruction", "On Blue Mountain" und "Shuggie" bis hin zu "Coulda Been My Love" waren viele meiner Lieblinge dabei und so machen Konzerte natürlich gleich doppelt Spaß.

Der einzige Nachteil ist und bleibt die exzentrische Freakshow, die France abziehen musste. Nicht nur, dass dies total von der Musik ablenkte, zudem gab er sich beim Singen kaum Mühe, was ich bis heute ziemlich schade finde, denn seine Stimme kann so wunderbar sein. Und eigentlich kann er auch gut tanzen. Ich verstehe gar nicht, warum er sich immer hat hinpacken müssen. Da fällt mir ein, dass er sich vor ungefähr einem Jahr sogar bei einem Auftritt einmal das Bein gebrochen hat. So gefährlich kann das nämlich ausgehen. Über die Unergründlichkeit des Sam France werde ich wohl mal einen Aufsatz schreiben müssen.

Jedenfalls bin ich nach wie vor froh, meine heißgeliebte Band tatsächlich live gesehen zu haben. Ich würde ihr sogar wieder einen Besuch abstatten, wenn ich mich dann auch gleich von Beginn an eher an die Seite stellen würde. Es war definitiv ein Abend ganz besonderer Art und eine Erfahrung, die ich nicht missen wollen würde. Und den Tinnitus, der mir seither im linken Ohr sitzt, trage ich mit Stolz. Fazit des Abends: "What the fuck did just happen?"

Kommentare:

  1. Ich kann dem Bericht nur zustimmen: das Konzert war ein verrücktes Ereignis, das Publikum und vor allem die Band waren total durchgeknallt und Tinnitus hatte ich ein paar Stunden danach auch. Genau wie du machte es mir irgendwann auch keinen Spaß mehr, mir nur Frances Selbstinszenierung anzusehen aber nicht viel von der Musik zu haben. Mir kam es auch so vor als wären die anderen Bandmitglieder davon genervt gewesen, dass er sich so in den Mittelpunkt stellt und ich kann das auch gut nachvollziehen. Er sah auch so aus als wäre er von Drogen nicht ganz unberührt. Vielleicht ist das auch der Grund, weshalb die Anzahl der ständigen Mitglieder von Foxygen tendenziell eher abnimmt?

    Grüße und Coconut Wind!

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    1. Nur einen paar Stunden? Also entweder hast du Hardcore- oder ich Weichei-Ohren. Bei mir hielt das Piepen noch tagelang an.

      Aber ja, abgesehen von seinem Gehampel fand ich es gut.

      IN THE MORNING WHEN THEY FOUND US, AND WE WOKE UP IN THE COCONUT WIND. *träller*

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  2. Von Foxygen habe ich noch nie was gehört. Habe mir dann gleich mal den Song "How Can You Really" zu Gemüte geführt und mir gefällt der Stil sehr gut. Werde mich wohl noch näher mit der Band beschäftigen :)

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    1. Yay, das ist ungemein schön zu lesen. Die Band hat wirklich einige geniale Lieder im Repertoire. Viel Freude beim Entdecken! :)

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