Freitag, 11. April 2014

Der unsichtbare Apfel von Robert Gwisdek

AUTOR l Robert Gwisdek
TITEL l Der unsichtbare Apfel
GENRE l Roman, Gegenwartsliteratur
VERLAG l Kiepenheuer & Witsch (2014)
SEITEN l 358
AUSGABE l Gebunden
AUSZUG l "Es war, als würde das Leben hinter jedes Ereignis, jede Begegnung und jeden Gedanken ein Fragezeichen setzen. Nichts schien mehr mit einem Punkt zu enden oder gar einem Ausrufezeichen. Alles war ein Hinweis auf ein unsichtbares Rätsel, welches ihn wie ein Zyklon spiralenförmig immer näher zu einer unsichtbaren Mitte zog. Weshalb gab es das Leben, woraus entwickelte es sich und warum starb es wieder, was stand hinter all seinen Formenspielen und grotesken Gebilden, worin lag die Begründung für seine Existenz und wo wollte es hin? Ein normales Leben zu führen schien ihm immer bizarrer und verschwenderisch. Man hatte nicht genug Zeit für all die verqueren Verpflichtungen, die die Menschen erfanden."

Hier entlang zur LESEPROBE.

INHALT l  Igor ist ein merkwürdiges Kind. Er berührt Dinge, um sie zu verstehen, malt Kreise auf Hauswände und sortiert Schachteln in Schachteln ein. Während er älter wird, übt er das Schmelzen, entdeckt das Nichts und bezweifelt die Endlichkeit. Er verliebt sich und trägt eine Last, die zu schwer ist, er trifft auf den Tod und versucht schließlich, hundert Tage ohne Licht und Geräusche zu verbringen. Seine Reise führt ihn an die Grenzen der Vernunft und verändert seine Wahrnehmung der Welt für immer.

REZENSION l Wer Robert Gwisdek bereits als Texter der Musikgruppe Käptn Peng & Die Tentakel von Delphi kennt, der weiß von dessen Vorliebe mit Worten zu spielen, zu experimentieren und mithilfe von Reimen die Logik außer Kraft zu setzen. Genau dies tut er in dem Buch "Der unsichtbare Apfel" - nur in Romanform selbstverständlich. Sein Schreibstil ist schräg, aber wortgewandt, seine Wortwahl machtvoll. Er spielt darin mit der Welt und baut sie sich so, wie sie ihm gefällt. Mit seinen Beschreibungen pflanzte er zumindest bei mir sofort eindringliche Bilder in meinem Kopf, die noch eine Weile nachhallen sollten.

Vorranging in der ersten Hälfte des Buches wird beschrieben, wie Igor schon von Kindesbeinen an bishin zu seinen frühen Zwanzigern mit der Welt hadert, sie nicht richtig versteht und sich irgendwie immer ein wenig fehl am Platze fühlt. So beginnt er sein Experiment, abgekapselt, in Stille und Dunkelheit. Dabei werden eher weniger Handlungen geschildert als vielmehr Eindrücke. Die Gedankengänge sind dabei immer ein bisschen konfus und verwirrend. Ich ertappte mich dabei, wie ich dieses Buch so unbedingt verstehen wollte, dass ich jeden Satz, jedes Wort, ja jeden Buchstaben auseinandernahm, einzeln abwog und versuchte zu interpretieren. Man findet beispielsweise mitten im Buch einige Seiten, die mit lauter "K"s gefüllt sind. Wie sollte ich dahinter kommen? Sie abzählen, Unterschiede zwischen Groß- und Kleinschreibung machen, die ab und zu auftauchenden anderen Buchstaben herausfiltern, absatzweise abzählen, die Zahlen in Buchstaben umwandeln, sie addieren?

Ich war mir so sicher, dass Gwisdek alles mit einer gewissen Intention geschrieben hat und ich wollte dahinter kommen. Nicht nur die Geschichte für mich umwandeln, sie nicht bloß mit meinem soziokulturellen Hintergrund interpretieren und sie somit zu meiner Geschichte machen, wie man es nunmal immer bei Büchern tut, sondern stattdessen mehr als alles andere wissen, was der Autor sich dabei dachte. Ich kam an einen Punkt, an dem es mich schon fast wahnsinnig machte. "Der will damit gar nichts sagen, der hat das nur geschrieben, weil es schön klingt, weil es einen guten Flow ergibt!" Doch dann wendete sich plötzlich das Blatt und immer mehr Licht kam ins Dunkeln, sodass sich sogar Spannung breitmachte und ich unbedingt weiterlesen musste, um herauszufinden, was nun eigentlich passiert, was Realität und was Traum ist.

Das klingt jetzt wahrscheinlich alles sehr wirr und vage, aber eigentlich möchte ich nur vermitteln, dass ich seit langem nicht mehr lediglich ein Buch las, sondern ein regelrechtes Leseerlebnis hatte. Eine Geschichte, die mich zum Nachdenken anregte, mich nicht losließ und irgendwie immer noch an meinem Ärmel hängt. Wenn man mal die ganzen Interpretationsansätze weglässt und sowohl Geschichte als auch Geschehnisse auf sich wirken lässt, findet man sich in einer durchgeknallten, abstrusen Welt wieder. Ich hätte beim Lesen so viele Sätze gern für mich herausgeschrieben, doch wollte ich partout nicht meinen Lesefluss stören, meine Eindrücke nicht unterbrechen. Deshalb schlummern diese Zitate alle noch zwischen den beiden Buchdeckeln, was wohl heißt, dass ich es irgendwann noch einmal lesen werde.

FAZIT l Ich gebe zu, es handelt sich bei "Der unsichtbare Apfel" um keine leichte Lektüre und sie lässt sich zu weiten Teilen zunächst nur schwer greifen, doch die Geduld und investierte Zeit lohnt sich allemal. Denn die Geschichte ist intelligent, wunderschön und packend und bekommt von mir sowas von die volle Punktzahl, dass ich sie euch nur ans Herz legen kann.

Kommentare:

  1. Das merke ich mir mal! Das ist so ein typische Buch zu dem ich in der Buchhandlung wahrscheinlich nie gegriffen hätte, weil mich sowohl der Titel als auch das unscheinbare Cover überhaupt nicht ansprechen. Aber deine Rezension überzeugt mich!

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