Samstag, 8. März 2014

Ich erinnere mich...

Ich erinnere mich an die weiße Spitzentischdecke, die zumindest bei unserer Ankunft noch tadellos rein war, und in deren Löcher ich stundenlang herumpulte.
Ich erinnere mich an etliche Mandalas, die ich zusammen mit dir ausmalte, bis du mir irgendwann zeigtest, wie man selbst Mandalas mit einem Zirkel kreiren kann.
Ich erinnere mich an Quark auf Buttertoast, an Krümeltee und Yes-Törtchen, an Spritzkuchen und Reis mit Hühnerbrühe.
Ich erinnere mich an das Ticken aus deiner Brust, erzeugt von künstlichen Herzklappen.
Ich erinnere mich an die große, rote Haube, die du auf deinen Kopf stülptest, nachdem du dir Lockenwickler ins braungefärbte Haar gedreht hattest. Ich fand es immer unglaublich lustig, dass du mich darunter mich nicht mehr verstehen konntest, es aber erst nach einem langen Monolog meinerseits erwähntest.

Ich erinnere mich an die vielen Miniaturpappschachteln und das Spielzeuggeld, die nur als Grundlage dienten für unsere grenzenlose Fantasie, wenn wir Einkauf im Lebensmittelladen spielten.
Ich erinnere mich an die VHS-Kassetten, auf denen viele Märchen und Kinderserien für uns Enkelkinder aufgenommen waren. Die Geschichten von der kleinen Meerjungfrau, Asterix und Obelix sind wohl für immer in mein Gehirn eingebrannt, so oft habe ich sie gesehen.
Ich erinnere mich an dein einzigartiges, leises Schnarchen, das mich nie aus dem Schlaf wecken sollte. Es klang so, als ob du leise das Wort "Küche" vor dich hinsäuseltest.
Ich erinnere mich an den Tag, an dem du im Herbst auf Laub ausrutschtest und ich nicht wusste, wie ich dich wieder auf die Beine bekommen sollte, sodass ich vor Hilflosigkeit anfing zu lachen. Du warst deshalb sehr böse auf mich.

Ich erinnere mich auch an das eine Mal, als du mir vor Verzweiflung einen feuchten Waschlappen quer über das Gesicht gezogen hast, weil ich keinen Mittagschlaf machen wollte und quengelte.
Ich erinnere mich an die an Sträuchern wachsenden Knallerbsen, die direkt vor deinem Haus gepflanzt waren. Die wir pflückten und dann kräftig drauftraten, um sie laut zerplatzen zu lassen.
Ich erinnere mich an den Weg zum Bahnhof Baumschulenweg, der überflutet war von unzähligen Hundehaufen, die wir immer vorsichtig umtippelten.
Ich erinnere mich an Hörspielkassetten, die mir abends von den Abenteuern von Tabaluga, Benjamin Blümchen und der kleinen Hexe erzählten.
Ich erinnere mich an den großen Strohhut, den du im Sommer aufgesetzt hast. Du warst für mich damit immer die feinste Dame.

Ich erinnere mich nur an Bruchstücke, doch waren es die schönsten Momente meiner Kindheit.
Ich erinnere mich an den Tag, als ein Anruf von Opa kam, der sagte, du seist im Krankenhaus.
Ich erinnere mich daran, dass meine Freundin zu Besuch war, ich sie nicht allein lassen wollte und deshalb nicht mitkam, um dich dort zu besuchen.
Ich erinnere mich daran, wie aufgelöst meine Mutter in der Nacht nach Hause kam, weil du von uns gegangen warst. Ich habe mich nie von dir verabschiedet, mich nie bei dir bedankt.
Ich erinnere mich an deine Beerdigung, bei der niemand aufhören konnte zu weinen und bei der Opa mit dem größten Kummer in den Augen sagte "Ich habe sie immer geliebt". Wir gingen nach der Zeremonie in dein Lieblingsrestaurant, in dem du immer das Gleiche bestellt hattest.
Ich erinnere mich, wie ich monatelang noch dachte, das sei alles nur ein Scherz gewesen und du würdest bei unseren Besuchen jeden Moment hinter der Tür hervorkommen und laut "Hereingelegt!" rufen. Du tatest es nie.

Kommentare:

  1. So herzzerreißend geschrieben...
    Mein Beileid :(

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  2. Ich könnte heulen. Wundervoll geschrieben.
    Mein Beileid.

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  3. :( Ich weine. Und kann es so nachfühlen, hab auch meine Oma letztes Jahr verloren. Die Sehnsucht vergeht nicht, aber die Dankbarkeit bleibt. Fühl dich gedrückt

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    1. Das tut mir leid mit deiner Oma. Bei mir ist es nun schon ein bisschen länger, fast fünf Jahre, her, aber ich wollte es einfach von der Seele geschrieben haben. Vergessen möchte ich nie. Alles liebe!

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  4. ... .mir kullern auch die Tränen die Wange herunter....
    Mögen all diese liebevollen Menschen in Frieden ruhen....
    Alles Liebe, Luci

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