Dienstag, 2. April 2013

Populärmusik aus Vittula von Mikael Niemi

AUTOR l Mikael Niemi
TITEL l Populärmusik aus Vittula
ORIGINALTITEL l Populärmusik från Vittula
GENRE l Roman
VERLAG l btb Verlag (2002)
SEITEN l 304
AUSZUG l "Das war ein Aufwachsen im Mangel. Nicht in einem Mangel materieller Art, in der Beziehung hatten wir genung, um zurechtzukommen, sondern identitätsmäßig. Wir waren niemand. Unsere Eltern waren niemand. Unsere Vorväter hatten keinerlei Bedeutung für die schwedische Geschichte gehabt. Unsere Nachnamen konnten von den wenigen Referendaren, die aus dem richtigen Schweden zu uns kamen, nicht buchstabiert und schon gar nicht ausgesprochen werden. [...] Wir radebrechten auf Finnisch, ohne Finnen zu sein, wir radebrechten auf Schwedisch, ohne Schweden zu sein.
Wir waren nichts."

Hier geht's zur LESEPROBE.

INHALT l Matti und sein schweigsamer Freund Niila wachsen in einem kleinen Ort im äußersten Norden Schwedens auf, fernab der wirklichen Welt. Es sind die wilden sechziger Jahre, doch das Leben dort wird weniger durch Rebellion als den kauzigen Eigensinn seiner Bewohner und der religiösen Bewegung des Laestadianismus geprägt, die durch extrem strenge und asketische Ansichten besticht. Kein Wunder, dass die beiden Kinder schon früh nichts anderes im Kopf haben, als sich wegzuträumen von diesem Ort, der zwar viele Geschichten zu erzählen hat, aber auch unvermutete Gefahren in sich birgt.

REZENSION l Ohne durchgehenden Handlungsstrang, dafür mithilfe vieler unterschiedlicher Episoden beschreibt "Populärmusik aus Vittula" die Geschichte der Jungen Matti und Niila, die in einer Einöde in Schweden aufwachsen. Der Leser begleitet sie unter anderem dabei, wie die beiden sich kennenlernen, wie sie ihren ersten Schultag erleben, wie sie die traditionellen Feiern ihrer Familien miterleben müssen, wie sie zu jungen Männern heranwachsen, erste Begegnungen mit dem weiblichen Geschlecht machen, wie sie mit Gleichaltrigen wetteifern - und wie sie zum ersten Mal Rock'n'Roll hören und davon so tief beeindruckt sind, dass sie selbst eine Band gründen wollen. Mit einem wortgewandten, bildhaften und lebendigen Schreibstil erschafft Niemi eine Atmosphäre, die schon fast greifbar ist. Zumindest ich habe mir nach dem Lesen eine Vorstellung davon gemacht, wie das Leben der Einwohner Vittulas seinerzeit wohl abgelaufen sein muss. Die Geschichte zieht trotz so einiger Schicksalsschläge nicht herunter, da immer ein Fünkchen schräger Humor durchscheint, den man wahrscheinlich auch haben muss, um das Buch so genießen zu können, wie es ist.
Ansonsten muss ich anmerken, dass mir häufig schon Jugendbücher mit männlichen Hauptcharakteren auf die Nerven gegangen sind, weil eben jene ziemlich auf Sex versteift waren und über scheinbar nichts anderes nachdachten beziehungsweise redeten, doch war dies in diesem Buch zum meinem Glück nicht der Fall. Dadurch hat man die beiden Protagonisten auf einer ganz anderen Ebene kennengelernt, was ich ganz angenehm fand.
Außerdem habe ich mich an manchen Stellen, in denen die Geschichte ins Surreale abgedriftet ist, sogar ein wenig an einen meiner Lieblingsschriftsteller Haruki Murakami erinnert gefühlt, was kaum ein schlechtes Zeichen sein kann. Jedoch hätte ich mir gewünscht, dass das Thema Musik insgesamt mehr aufgegriffen wird. Es war zwar durchaus vorhanden, doch bei dem so gewählten Buchtitel kam es mir ein wenig zu kurz. Auch fand ich manche Episoden ein bisschen zu unspektakulär und langatmig, sodass es dort der Geschichte gut getan hätte, ein wenig gekürzt zu werden. Alles in allem verbleibt jedoch ein positiver Eindruck.

FAZIT l Hier wird eine wirklich humorvolle Geschichte mit einer solchen Bildhaftigkeit erzählt, die einen danach fast glauben lässt, selbst dabei gewesen zu sein. Leider war sie mir an manchen Stellen ein wenig zu ausführlich, sodass ich "Populärmusik aus Vittula" zwar für ein sehr gutes Buch halte, es mich aber auch nicht komplett umgehauen hat. Es bekommt von mir solide vier von fünf Punkten.

Kommentare:

  1. Ach das Buch... damit wurde ich in der siebenten Klasse zwangsbeglückt. |D
    Beglückt eigentlich nicht, nur gezwungen. Mir war es stellenweise nämlich fast ZU abgedreht... Aber gut zu wissen, dass das Buch doch auch ein paar Leuten gefällt. xD

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    1. Also bei "Effi Briest" würde ich ja zwangsbeglückt noch verstehen, aber "Populärmusik aus Vittula" ist doch eine schöne Schullektüre. Obwohl ich mir vorstellen kann, dass es ätzend sein kann, wenn man jedes Zipfelchen analysieren und deuten muss und es nicht einfach entspannt durchlesen kann. Irgendwie kann man aber auch jedes Buch totanalysieren, finde ich. :D

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  2. bücher sollen spaß machen u ich finde auch, dass dieses ganze analysieren jeder buchseite den schülern wirklich die freude an einem buch nehmen kann. dieses kenne ich leider noch nicht, hört sich aber interessant an :)
    ein schönes we dir.
    maren anita

    FASHION-MEETS-ART by Maren Anita

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  3. Ah sehr schön, da kann ich mich ja auf was freuen, wenn ich es demnächst lese :)

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